Spirituelle Landkarte

Mehr denn je haben die Menschen heute eine tiefe Sehnsucht nach Spiritualität, nicht zuletzt als Reaktion auf die rasante Ausbreitung technokratischer Strukturen und die Zerstörung kultureller Vielfalt. Hinter dieser Sehnsucht steckt die Suche nach Sinnhaftigkeit, die sich aus ERKENNTNIS und ERFAHRUNG speist. Beide sind notwendig, um ein Sinn-erfülltes Leben zu führen. Jede für sich allein jedoch bringt den spirituellen Weg ins Stocken. Spirituelle Erkenntnis ohne Erfahrung mündet in einer intellektuellen Sackgasse. Umgekehrt birgt spirituelle Erfahrung ohne Erkenntnis die Gefahr der Orientierungslosigkeit. Darauf hat der Benediktinermönch und Zen-Meister Willigis Jäger hingewiesen. 

Während spirituelle Erfahrung immer persönlicher Natur ist und sich nicht weitergeben lässt, kann spirituelle Erkenntnis sehr wohl formuliert und verbreitet werden.


Es soll deshalb der Versuch unternommen werden, eine spirituelle Landkarte zu entwerfen, die gewissermaßen einen Orientierungsrahmen für den Zugang zur Spiritualität bietet. Grundlage für den Entwurf sind die spirituellen Konzepte von Jäger (2012) und Wilber (2016).


Ebenen

Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass der gesamte Kosmos in Form von Ebenen, Referenzen und Sphären organisiert ist.

Die Wirklichkeit existiert auf zwei Ebenen. Die Ebene des Vordergrundes stellt all das Geschehen dar, das wir unmittelbar wahrnehmen und das uns in Alltagssituationen beschäftigt. Es sind die Dinge um uns herum - Figuren, Ereignisse und Beziehungen, sowohl in unserer näheren Umgebung als auch – vermittelt durch die Medien - in einer mehr oder weniger großen Ferne. Die Ebene des Hintergrundes dagegen ist die spirituelle Dimension unserer Existenz. Sie entzieht sich unserer unmittelbaren Wahrnehmung, und doch spüren wir, dass es sie gibt. In spirituellen Augenblicken wird zum einen der verborgene Hintergrund sichtbar (Transparenz, siehe auch Thema  „durch-sichten“) und zum anderen das Zusammenspiel der beiden Ebenen erlebbar (Resonanz). Es ist wie auf dem Foto mit den Spinnennetzen – ein Tanz des entfalteten Vordergrunds mit dem schillernden Hintergrund.


Referenzen

Vorder- und Hintergrund wiederum existieren in Form von Referenzen. Der Zusammenhang zwischen Ebenen und Referenzen und die daraus resultierenden Ausdrucksformen gehen aus folgender Übersicht hervor:




Die Beziehung zwischen Vordergrund und Hintergrund lässt sich gut in einer Metapher ausdrücken. Wie bei einer Pflanzenstaude stellt der oberirdische Teil Form und Vergänglichkeit, der unterirdische Teil dagegen Leerheit (weil unsichtbar) und Ewigkeit dar, denn das Wurzelwerk einer Staude überdauert im Gegensatz zur oberirdischen Pflanze die Vegetationsperiode. Weiterhin kann die oberirdische Pflanze als Manifestation angesehen werden, während das unterirdische Wurzelwerk von Durchdringung (des Bodens) geprägt ist.

Es ist bemerkenswert, dass die einzelnen Referenzgrößen nicht unabhängig voneinander existieren, insofern stellt auch dieser Ansatz wie jeder Versuch einer Systematisierung eine Vereinfachung der Wirklichkeit dar. Alle vier Referenzen, nämlich Raum, Zeit, Werk und Sein sind abhängig voneinander. Dabei bekommt diese Erkenntnis Unterstützung von der modernen Physik: Raum und Zeit sind in einem Raum-Zeit-Kontinuum gekoppelt, wie in der Relativitätstheorie dargelegt.

Sowohl die Ebenen des Vorder- und Hintergrundes als auch die vier Referenzen durchdringen sich gegenseitig und verschmelzen dabei zu einem zentralen Fokuspunkt. Dieser Fokuspunkt ist nichts anderes als das, was wir Gott nennen. Der Prozess der Verschmelzung spiegelt sich in den häufig beschriebenen Einheitserfahrungen in der spirituellen Praxis wider. Der renommierte niederländische Naturfotograf Jan van der Greef  hat solche Einheitserfahrungen in faszinierenden Aufnahmen ausgedrückt. Die Durchdringung und Verschmelzung führt zur coincidentia oppositorum, zum Zusammenfallen der Gegensätze, wie es der Philosoph und Theologe Nikolaus von Kues im 15. Jahrhundert ausgedrückt hat:

Ich habe den Ort gefunden, an dem man Dich unverhüllt zu finden vermag. Er ist umgeben von dem Zusammenfall der Gegensätze. Dies ist die Mauer des Paradieses, in dem Du wohnst. Sein Tor bewacht höchster Verstandesgeist. Überwindet man ihn nicht, so öffnet sich nicht der Eingang. Jenseits des Zusammenfalls der Gegensätze vermag man Dich zu sehen, diesseits aber nicht.

Das Zusammenfallen der Gegensätze – etwa von Leerheit und Form oder von Ewig- und Vergänglichkeit - ist absolut, das bedeutet, der zentrale Fokuspunkt ist gleichzeitig ALLES und NICHTS. Gott ist also das alles durchdringende und sich in allem manifestierende Urprinzip, das jedoch selbst nicht fassbar ist. Die Durchdringung bezieht sich dabei auf den Hintergrund, die Manifestation auf den Vordergrund.

Aus dem Zusammenfallen der Gegensätze ergibt sich weiterhin, dass das göttliche Urprinzip auch gleichzeitig URSPRUNG und ZIEL der gesamten Evolutionsgeschichte ist, wobei mit Evolution die Fortentwicklung des gesamten Kosmos, nicht nur des Lebendigen gemeint ist. Das lässt sich nur verstehen, wenn man das Evolutionsgeschehen als einen Prozess im Sinne einer fortschreitenden Selbsterkenntnis begreift. Mit anderen Worten: Das göttliche Urprinzip erkennt sich im Laufe des Evolutionsprozesses mehr und mehr selbst. Durch eben diese Aussage ist die These des Verhaltensforschers Konrad Lorenz, die die Evolution als Erkenntnisprozess beschreibt (Lorenz, 1973), konsequent zu Ende gedacht. Auch die vom amerikanischen Philosophen Ken Wilber beschriebenen Stufen eines fortschreitenden Bewusstseins, das sich am Ende selbst erkennt, sind auf diese Weise zu verstehen (Wilber, 2016). Das Verhältnis zwischen Mensch und evolutionärer Schöpfung hat Fabian Scheidler wunderbar und treffend in folgendem Satz ausgedrückt:

Die Schöpfung, so könnte man meinen, plant uns weder zielgerichtet noch spuckt sie uns als Produkt eines blinden Zufalls aus, sondern SIE TRÄUMT UNS
(Scheidler, 2021)

Die Metapher vom Traum macht deutlich: Die Evolution ist nicht determiniert, sie ist nicht vorhersehbar, aber sie folgt einem im Inneren angelegten kreativen Muster.

 

Sphären

Der Kosmos ist weiterhin in Form von vier Sphären organisiert. Sie umfassen

die materielle Physiosphäre

- die lebendige Biosphäre

- die geistige Psychosphäre

- die sinn-hafte Noosphäre

Ken Wilber hat zudem eine Theosphäre vorgeschlagen, die den Bereich des Göttlichen darstellt. Genau wie das göttliche Urprinzip aber nicht mit einer einzelnen Ebene oder einer einzelnen Referenz in Verbindung gebracht werden kann, so kann das Göttliche auch nicht durch eine einzelne Sphäre repräsentiert werden. Gott ist vielmehr auch hier Ursprung und Ziel eines fortschreitenden Durchdringungs- und Manifestationsprozesses – das Urprinzip, das nicht nur den Sphären als solchen, sondern auch dem Zusammenwirken der einzelnen Sphären zugrunde liegt.

Zur Veranschaulichung der vier Sphären und ihres Zusammenwirkens dient das Bild spiritual reality.




Im Bild repräsentiert das Material, aus dem Klinkersteine und Mörtel beschaffen sind, die Physiosphäre der unbelebten Materie, während die Rose für die Biosphäre des Lebens steht. Die verbauten Klinkersteine als Ergebnis bewusster Planung und Herstellung durch den Menschen repräsentieren die geistige Psychosphäre, während die gesamte Mauer, die einen bestimmten Zweck erfüllt, ein Abbild der sinn-haften Noosphäre ist. Die surrealistische Verfremdung des Bildes mit übergreifenden, fließenden Strukturen schließlich visualisiert die Durchdringung der Sphären und damit das zugrunde liegende göttliche Urprinzip.

Das Gefüge der Sphären lässt sich gut am Modell einer geschichteten „Hochzeitstorte“ veranschaulichen. Der Blick von oben zeigt, dass die Physiosphäre die größte Spanne aufweist – also ein quantitativer Aspekt - gefolgt von den anderen Sphären (Reihenfolge Physiosphäre - Biosphäre – Psychosphäre – Noosphäre)




Der Blick von der Seite dagegen macht deutlich, dass die Noosphäre die größte Tiefe - im Sinne eines qualitativen Erfassungsvermögens - aufweist, gefolgt von den anderen Sphären, diesmal aber in umgekehrter Reihenfolge (Noosphäre - Psychosphäre – Biosphäre – Physiosphäre)




Anders ausgedrückt: Während die Physiosphäre die anderen Sphären umfasst, ist es die Noosphäre, die die anderen Sphären erfasst. Und das Modell der Sphären macht eines deutlich: es gibt keine festgeschriebenen Hierachien in kosmischen Systemen, sie wechseln vielmehr je nach Perspektive.

 

Kosmologie und Orientierung

Der Entwurf einer spirituellen Landkarte erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit noch gibt er die jeweiligen Sinnzusammenhänge wieder, die sich verschiedene Menschen und Kulturen im Laufe der Geschichte geschaffen haben. Fabian Scheidler spricht von Kosmologien, die er definiert als „Summe der Annahmen darüber, wie die Welt ist“ (Scheidler, 2021). Was aber die Landkarte leistet, ist ein Orientierungsrahmen für Menschen, die sich auf den spirituellen Weg begeben. Oder um im Bild zu bleiben: Die Landkarte ist entworfen, erwandern kann man sie nur selbst.





Literatur

Jäger, Willigis: Die Welle ist das Meer – Mystische Spiritualität. Verlag Herder, Freiburg, 25. Auflage (2012)

Lorenz, Konrad: Die Rückseite des Spiegels – Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens. Piper Verlag, München, Erstausgabe (1973)

Scheidler, Fabian: Der Stoff, aus dem wir sind -Warum wir Natur und Gesellschaft neu denken müssen. Piper Verlag München (2021)

Wilber, Ken: Eine kurze Geschichte des Kosmos. Fischer Verlag, Frankfurt/M., 10. Auflage (2016)