welt-sichten

Willigis Jäger, Gründer des Meditationzentrums St. Benedikt bei Würzburg und Zen-Meister erschließt einen mystischen Weg, der aus der christlichen Tradition stammt und auch in anderen religiösen Kulturen gelehrt wird. Es ist der Weg in ein neues Bewusstsein, der Weg vom Haben- zum Seinbewusstsein. Dieser Weg zeigt gleichzeitig einen Ausweg aus der gegenwärtigen Menschheitskrise auf. Aus seinem Buch "Die Welle ist das Meer" stammen die Kurztexte zu den Bildern.

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die welle ist das meer

Wenn wir uns die Erste Wirklichkeit als einen unendlichen Ozean vorstellen, dann sind wir so etwas wie die Wellen auf diesem Meer. Wenn nun die Welle erfährt „Ich bin das Meer“, dann sind da immer noch zwei: Welle und Meer.
In der mystischen Erfahrung aber wird auch diese Dualität überstiegen. Das Ich der Welle verfließt und an seiner statt erfährt das Meer sich als Welle.[...] Diesen Schritt vollzieht der Mystiker nicht, er WIDERFÄHRT ihm.

Sorgun, Türkei, 2013



goldener ring

Gott und Mensch verhalten sich zueinander wie Gold und Ring. Sie sind zwei ganz verschiedene Realitäten. Gold ist nicht Ring und Ring ist nicht Gold. 
Aber in einem goldenen Ring können sie nur zusammen auftreten. Sie sind koexistent. Das Gold braucht eine Form, um zu erscheinen, und der Ring braucht ein Material, um sichtbar zu werden [...] Das Gold offenbart sich als Ring. 
So offenbart sich Gott als Mensch.

Ganderkesee, 2014

ast und baum

Wenn sich ein Ast nur als Ast versteht, dann macht ihm das Dürrewerden und Abfallen Angst. [...] Würde der Ast aber seine Identität nicht in seinem Ast-Sein erkennen, sondern darin, dass er Baum ist, dann verlöre er die Angst vor dem Abfallen, da doch der Baum und das Leben des Baumes sein wahres Leben ist. 
Das, was es wirklich ist, lebt weiter.

Dötlingen, 2015



symphonie

Der Kosmos ist eine Symphonie, und das, was wir Gott nennen, erklingt als diese Symphonie. Jeder Ort, jeder Augenblick, jedes Wesen ist eine ganz bestimmte Note, die je für sich unverzichtbar für das Ganze ist, auch wenn sie im nächsten Augenblick durch eine andere Note abgelöst wird. Alle Noten machen das Ganze, alle Noten sind das Ganze - und das was die Ganzheit des Ganzen ausmacht, ist Gott. 

Ganderkesee, 2014

entfaltung

„Jeden Augenblick wird die Welt neu geboren“, sagt die Mystik - und geht davon aus, dass diese permanente Neuschöpfung nicht durch die Hand eines außerhalb der Evolution stehenden Schöpfers vollzogen wird, sondern aus ihr selbst heraus geschieht, ihrem eigenen Impuls folgend. Und so ist Gott aus der Sicht der mystischen oder evolutionären Theologie nicht der von außen wirkende Initiator der Evolution, sondern die Evolution ist
DER SICH SELBST ENTFALTENDE GOTT.

Akaroa, Neuseeland, 2010



der grund des bechers

Von Werner Heisenberg stammt der prägnante Satz: 
„Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaften macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet GOTT.“ 

Ganderkesee, 2014

coincidentia oppositorum

Ich habe den Ort gefunden, an dem man Dich unverhüllt zu finden vermag. Er ist umgeben von dem Zusammenfall der Gegensätze. Dies ist die Mauer des Paradieses, in dem Du wohnst. Sein Tor bewacht höchster Verstandesgeist. Überwindet man ihn nicht, so öffnet sich nicht der Eingang. Jenseits des Zusammenfalls der Gegensätze vermag man Dich zu sehen, diesseits aber nicht. 

(nach Nikolaus von Kues)


MessnerMountainMuseum, Firmiano, Italien, 2009



wüste

Die Wüste ist der Inbegriff der spirituellen Abgeschiedenheit: Jeder, der den Weg der Kontemplation geht, geht „in die Wüste“ - und wird dort mit seinen Schatten konfrontiert.

Henne Strand, Dänemark, 2014

emotionen

Wir üben reine Beobachtung, reine Aufmerksamkeit, ohne jede Wertung, ohne uns besetzen zu lassen. Emotionen und Ängste müssen standhaft durchlebt werden. Kein Kommentar, kein Sich-fortziehen-Lassen, kein Verzerren, kein Verdrängen. Emotionen sind wie Wolken, die über den blauen Himmel ziehen, die ihn vorübergehend verdunkeln, dann aber aus dem Blickfeld verschwinden. 

Nelson, Neuseeland, 2010



mandorla

Die Mandorla wird gebildet aus zwei sich überlappenden Kreisen: dem Kreis der menschlichen Personalität und dem der göttlichen Transpersonalität. In der romanischen Kunst wird Christus in diesen beiden Kreisen der Mandorla abgebildet - und ebenso Shakyamuni Buddha in den Bildnissen des Buddhismus. 
Die Mandorla ist wohl älter als beide Religionen.

Henne Strand, Dänemark, 2014

kirchenfenster

Religionen sind wie schöne bunte Kirchenfenster. Sie geben dem Licht, das durch sie hindurchscheint, eine bestimmte Struktur. Scheint kein Licht, sind sie dumpf und nichtssagend. Deshalb ist das Licht das eigentlich Entscheidende. Das Licht aber können wir mit unseren Augen nicht sehen. Licht macht sichtbar, ist aber selbst unsichtbar. Sichtbar wird es nur, wenn es in Farben zerlegt und strukturiert wird.
Ebenso verhält es sich mit Religionen im Blick auf das Göttliche.

Montpellier, Frankreich, 2006



gottesfinsternis

Eine Religion ist zu vergleichen mit dem Mond, der die Erde bei Nacht erleuchtet, sein Licht aber von der Sonne erhält. Wenn der Mond zwischen Sonne und Erde tritt, gibt es eine Sonnenfinsternis.
Ähnlich ist es mit der Religion. Die Sonne ist das Göttliche. Es strahlt die Religionen an, damit sie dem Menschen auf seinem Weg leuchten. Wenn sich aber eine Religion zu wichtig nimmt und sich zwischen Gott und Menschen schiebt, verdunkelt sie Gott. 
Es gibt eine Gottesfinsternis.

Oberhof, 2013