Harald Welzer, Direktor der gemeinnützigen Stiftung
"Futurzwei" und Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Universität
Flensburg, hat sich intensiv mit dem herrschenden Kulturmodell des ALLES IMMER
und der Zukunftsfähigkeit unserer Kultur angesichts des rapide zunehmenden
Ressourcenbedarfs und der fortschreitenden globalen Umweltzerstörung
auseinandergesetzt. Er kommt zu dem Schluss, dass ein expansiv ausgerichtetes Kulturmodell keine Zukunft hat und abgelöst
werden sollte durch die reduktive
Kultur einer nachhaltigen Moderne, die die Bezeichnung „nachhaltig“ auch
verdient. Welche - oftmals holprigen und keineswegs geradlinigen – Pfade in die
nachhaltige Moderne führen und wie es gelingt, sich denkend vom
Vorgegebenen zu distanzieren, zeigt Welzer in seinem Buch „Selbst denken – eine
Anleitung zum Widerstand“ auf, aus dem auch zum größten Teil die Texte und Anregungen zu den Bildern stammen.
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expansive kultur der moderne Die Nachkriegs- und Wirtschaftswundergeneration, die derzeit einen erheblichen Teil der gesellschaftlich relevanten Akteure stellt, hat eine tiefe kulturelle Prägung durch Aufschwung, Mobilität und technischen Fortschritt erfahren - eine Prägung, die bis heute anhält und das gesellschaftliche Handeln bestimmt. Worpswede, 2015 |
spiegelneuronen Die expansive Kultur der Moderne hat nicht nur die Struktur und Entwicklung unserer Gesellschaft bestimmt, sondern ist Teil unserer mentalen Innenausstattung geworden. Bremen, 2015 |
irrglaube Wenn man einem, sagen wir, neunjährigen Kind erklären würde, dass die Erde den Ressourcenhunger der Weltbevölkerung nicht stillen kann, und es nach einer Lösung fragen würde, könnte es zum Beispiel sagen: Erfindet etwas, das die Menschen kleiner macht, dann reicht die Menge an Ressourcen, die die Erde bietet, für alle. Ein Erwachsener dagegen würde sagen: Wir müssen wachsen! Ohne Wachstum haben wir keine wirtschaftlichen Möglichkeiten, die Umweltprobleme zu bewältigen. Delmenhorst, 2014 |
zivilisationsmaschine Menschen glauben in erster Linie, was unmittelbar erfahrbar ist – und solange Infrastrukturen und allgegenwärtige Technik funktionieren - sehen sie keinen Grund, am Fortbestehen der Zivilisationsmaschine zu zweifeln. Duderstadt, 2015 |
extraktivismus Die allerwenigsten Menschen bemerken, dass sie aktive Teile einer Kultur sind, die permanent ihren Ressourcenbedarf und damit den Extraktionsgrad des Planeten erhöht, obwohl sie ihrem Selbstbild nach längst grün, nachhaltig oder gar klimabewusst ist. Carnac, Bretagne, 2015 |
ressource zukunft Wenn sich das Prinzip der Wachstumswirtschaft über die Welt ausbreitet, heißt das, dass man nicht mehr – wie im 19. und 20. Jahrhundert – in den Raum expandieren kann, um den Treibstoff für den Antrieb der Zivilisationsmaschine von außen zu holen. Als einzige Ressource zur Erzeugung des globalen Mehrwertes verbleibt nur die Zukunft. Die Kultur des ALLES IMMER verbraucht die Zukunft derjenigen, die das Pech hatten, später geboren zu sein als die heutigen Generationen. Diese Aufkündigung des Generationenvertrages ist eine historische Erstmaligkeit. |
hypertrophes wachstum Die Größe des heutigen Mini übertrifft lässig die des einstigen Inbegriffs des Oberklasse-Sportwagens Porsche 911. Für solches hypertrophes Wachstum, das von den surrealen Stadtgeländewagen noch locker übertroffen wird, sind die Straßen, die Parkbuchten und die Autobahnen mittlerweile zu klein geworden. Bremen, 2015 |
wenn möglich, bitte wenden! Wenn man dieses prothetische Universum der Produkte nur für einen kurzen Augenblick von außen betrachtet, erschrickt man und stellt fest: Viele Erzeugnisse konsumieren mit ihren sinnfreien Leistungen ihre Käufer und nicht umgekehrt. Der Käufer ist nur noch die Relaisstation zwischen Herstellung und Entsorgung. Auf das Relais reduziert, leistet er konsequenterweise Dienst am Gerät und lässt sich von diesem entmündigen. Cartoon: Uli Stein |
flachland Die Benutzeroberfläche der expansiven Kultur versperrt den Blick darauf, was dahinter steckt. Vieles von dem, was im Verborgenen abläuft, erreicht nicht unsere Wahrnehmung und damit auch nicht unseren Intellekt. Bremen, 2015 |
auf dem weg in eine nachhaltige zukunft Die Zukunftssicherung im 21. Jahrhundert liegt erstmals nicht auf dem Weg der Expansion, sondern dem der Reduktion. Sie wird geleitet durch Handlungsmaximen, die der nichtnachhaltigen Moderne völlig wesensfremd sind: probieren, abbrechen, aufhören, innehalten, pausieren. Kein Masterplan also, sondern ein Patchwork aus unterschiedlichen Experimenten. Borkum, 2011 |
weniger ist mehr Die konkrete Utopie heißt: Zivilisierung durch weniger. Nämlich durch weniger Material, weniger Energie, weniger Dreck. Neugier, Sehnsucht nach anderem, Wünsche und Träume darf es dagegen durchaus mehr geben: Sie sind die eigentlichen Produktivkräfte des Zukünftigen.Duderstadt, 2012 |
aufbruch Nie waren Geschichten von Aufbruch attraktiver als jetzt: in der zeit- und transzendenzlosen Gegenwart. Abenteuer- und Bildungsromane haben das gemeinsame Merkmal, dass ihre Protagonisten sich selbst verändern, indem sie sich auf den Weg machen. Delmenhorst, 2015 |
lebenskunst Auch wenn es auf den ersten Blick genau umgekehrt aussieht, erweist sich der Mensch mit Möglichkeitssinn als viel praktischer als der mit dem Wirklichkeitssinn, dessen Handlungsmöglichkeiten beschränkt sind. Menschen, die mit einem Möglichkeitssinn ausgestattet sind, beginnen etwas, ohne genau zu wissen, worauf das am Ende hinauslaufen wird. Oberhof, 2013 |
kippfigur Die Theatergruppe „Rimini Protokoll“ denkt selbst. Mit dem Wechsel des Referenzrahmens arbeitet die Gruppe beständig an der Perforierung der Wirklichkeit, macht sie durchlässiger als sie gewöhnlich erscheint. Damit macht die Gruppe deutlich, dass alles in jedem Augenblick anders sein könnte; dass die jeweils gegebene Wirklichkeit in Wahrheit eine Kippfigur ist. Daraus lässt sich etwas lernen: Erst wenn man den Einsprengseln anderer Wirklichkeitsdefinitionen und Weltverständnisse die Chance gibt, in Erscheinung zu treten, öffnet man Möglichkeitsräume, die durch das Verfolgen eines einzigen Pfades systematisch verschlossen bleiben. Hamburg, 2015 |
streckübungen Referenzrahmen, kulturelle Bindungen, Stereotype, aber auch so etwas wie herrschende Meinungen, schränken aber die Möglichkeiten ein, sich denkend vom Vorgegebenen zu distanzieren, ein eigenes Verhältnis dazu zu entwickeln. Daher gehört es unbedingt zum gymnastischen Programm der moralischen Streckübungen, sich in der Frage zu trainieren, ob es gegebenenfalls noch etwas zu dem zu denken gibt, was die herrschenden Gedanken über eine Sache sind. Henne Strand, Dänemark, 2014 |
handwerkszeug Zu der notwendigen Alphabetisierung für eine nachhaltige Moderne gehört auch das Aufsuchen tradierter Ideen, Konzepte, Haltungen und Kulturtechniken, die heute ziemlich aus der Mode gekommen scheinen. Eine dieser Haltungen ist das Bewusstsein darüber, dass etwas, was man isst, irgendwo herkommt, also gesät, gewässert, geerntet, transportiert, gesäubert werden muss, während die Wertschöpfungsketten der Gegenwart den zugrundeliegenden Stoffwechsel völlig unsichtbar machen. Ganderkesee, 2015 |
gemeinschaften Auf der Suche nach widerständigen Vergemeinschaftungsformen gilt es, die intrinsische Kraft und Resilienz von Gemeinschaften wieder neu zu entdecken und zu fördern. Entscheidend dabei ist die Freilegung der unter der Benutzeroberfläche der expansiven Kultur verborgenen Dinge wie Vertrauen, Gesundheit, Aufgehobensein, Fürsorge, Freundschaft und ähnlichem. Garachico, Teneriffa, 2013 |
gewürze des wandels Man braucht keine Mehrheiten, um Gesellschaften zu verändern; andere kulturelle Modelle und Praktiken diffundieren dann in die Gesamtgesellschaft, wenn sie von Minderheiten in allen relevanten gesellschaftlichen Schichten getragen werden. Drei bis fünf Prozent der Bevölkerung reichen unter dieser Voraussetzung, um einen tiefgreifenden und nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel in Gang zu setzen. Manavgat, Türkei, 2012 |
communities of practice Die im Entstehen begriffene soziale Bewegung zur Transformation der Industriegesellschaft unseres Typs setzt sich aus vielfältigen sogenannten Communities of practice zusammen: Selbsthilfegemeinschaften, Solargenossenschaften, Gemeinschaftsgärten, Baugruppen, Recyclingbörsen, Initiativen für Nutzungsinnovationen und vielen mehr. Communities of practice tragen drei wesentliche Merkmale: Identifikation mit einer gemeinsamen Aufgabe, Austausch im Sinne eines lernenden Dialogs sowie das Arbeiten mit einem Repertoire aus Instrumenten und Ressourcen.Köln, 2012 |